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Auf einem reich gedeckten Tisch stehen viele Teller, Gläser und Schüsseln. Eine Gruppe Menschen sitzt um den Tisch versammelt, es sind jedoch lediglich die Arme zu sehen. Die Menschen essen oder bedienen sich aus den Schüsseln.
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Mehr als nur Hunger: Was treibt uns noch zum Essen an?

Viele kennen das: Wir essen manchmal mehr als wir beabsichtigen und sogar Dinge, die wir eigentlich gar nicht essen wollen. Wie kommt das? Ganz einfach: Weil nicht nur Hunger unser Essverhalten steuert, sondern viele Dinge mehr. Und die sind uns meist gar nicht bewusst.

Wir essen, wenn wir Hunger haben. Bei großem Hunger viel, bei kleinem Hunger wenig. So einfach ist das? Fehlanzeige. Denn über den Hunger hinaus gibt es jede Menge weiterer Faktoren, die unser Essverhalten beeinflussen.

Wenn wir uns also fragen, warum es beim Restaurantbesuch wirklich noch der Nachtisch sein musste, obwohl wir längst satt waren, oder die Nüsschenschale mal wieder leer ist, obwohl wir doch nur eine Handvoll nehmen wollten, dann wirken oftmals andere Kräfte als das gute alte Hungergefühl. Beispielsweise diese hier:

Essen in Gesellschaft

In geselliger Runde neigen wir dazu, mehr zu essen als allein. Je mehr Menschen am Tisch sitzen, desto größer werden die Mengen, die wir zu uns nehmen. Und: Wir passen unser Essverhalten den anderen an. Nehmen alle noch ein Dessert, sagen wir meist auch nicht nein. Merken wir, dass die Runde ausschließlich leichte Gerichte oder Vorspeisen bestellt, tun wir es tendenziell genauso. Diese Orientierung an anderen beginnt bereits im jüngsten Alter: Schon Kleinkinder schauen, was die anderen essen und lassen sich so vielleicht zu einer Portion Gemüse breitschlagen, die allein zu Hause gnadenlos verschmäht würde.

Familien-Mahlzeiten

Eine besondere Bedeutung in puncto Gesundheit kommt hier übrigens dem gemeinsamen Essen innerhalb der Familie zu. Denn wie Untersuchungen ergaben, sind diese Familien-Mahlzeiten statistisch gesünder. Sie enthalten mehr Ballaststoffe, Kalzium und Eisen, sind reicher an Obst und Gemüse und ärmer an Fett, Cholesterin und Natrium. Im Gegenzug hat sich gezeigt, dass Kinder, die nie oder nur manchmal mit der Familie zu Abend essen, häufiger übergewichtig sind als jene, die immer oder oft mit ihrer Familie Abendbrot essen. Spannend, oder?  

Stress schlägt auf den Magen

Stress ist ein weiterer Faktor, der unser Essverhalten mitsteuert. In welche Richtung, ist jedoch ganz individuell. Der eine bekommt bei Stress keinen Bissen herunter, die andere isst mehr als sonst. Besonders Frauen neigen dazu, unter Stress und Anspannung mehr und auch kalorienreichere Nahrung zu sich zu nehmen. Kinder tendieren unter Stress eher dazu, Essen zu verweigern. Aber es kann auch in die andere Richtung gehen: Auch „Frustessen“ wird oft schon bei Kindern beobachtet und kann den Grundstein von Übergewicht legen. Interessant: Sind wir gestresst, kann sich das sogar auf unser Geschmacksempfinden niederschlagen. Haben wir psychischen Stress, nehmen wir mitunter die Geschmacksbereiche Bitter, Sauer und Süß weniger lange wahr. Ist unser Stress jedoch körperlich, ist nur die Wahrnehmung von „Sauer“ verkürzt.

Welche Farbe schmeckt am besten?

Was uns außer Hunger oder Durst noch so beeinflusst, zeigt sich am Beispiel der roten Kakaotasse. Eine Studie hat das verblüffende Ergebnis gebracht, dass auch die Farbe des Gefäßes, aus dem wir etwas zu uns nehmen, einen Einfluss auf unser Geschmacksempfinden hat: Die heiße Schokolade, die einer Gruppe von Probandinnen und Probanden in roten Tassen serviert wurde, schnitt am besten ab. Und auch Popcorn wurde aus verschiedenfarbigen Schüsseln geschmacklich unterschiedlich wahrgenommen. So müssten wir also für unsere Abendsnacks lediglich die Schüssel mit der richtigen Farbe finden, und zack: bleiben die abendlichen Sünden im Rahmen.   

Je größer, desto mehr

Eigentlich simpel, aber trotzdem eine sehr beliebte Falle: großes Gefäß, große Portion. Nehmen wir einen großen Teller, wird die Menge an Nudeln, die wir zu uns nehmen, sicher üppiger ausfallen. Nehmen wir eine kleinere Schüssel, verkleinert sich unsere Portion automatisch. Wer also weniger Kalorien zu sich nehmen oder beim Mittagessen schlichtweg nicht ins Suppenkoma fallen möchte, sollte sich einfach an ein kleineres Essgefäß halten. Die Chancen stehen damit gut, einem zu vollen Magen zu entgehen.

Und nicht nur die Größe des Behältnisses scheint hier eine Rolle zu spielen. Wie wissenschaftliche Experimente zeigen konnten, ist auch die Reihenfolge der Zubereitung ausschlaggebend. So enthielt eine Apfelschorle weniger Apfelsaft, wenn die Probanden und Probandinnen zuerst Mineralwasser und dann den Saft in das Glas gossen. Bei Müsli und Joghurt konnte die Arbeitsgruppe denselben Effekt beobachten.

Essen statt Sport

Interessant ist auch, dass wir uns offenbar von Marketing-Versprechen stärker beeinflussen lassen, als uns bewusst ist. Wie ein Experiment an der Technischen Universität München zeigte, neigen wir dazu, mehr zu essen, wenn die Lebensmittel als „Fitnessprodukte“ deklariert werden. 135 Studierende sollten einen Fragebogen ausfüllen und bekamen dazu ein Tütchen Studentenfutter zum Knabbern. Die eine Gruppe bekam jedoch „Fitness-Studentenfutter“, die andere ein Tütchen, auf dem lediglich „Studentenfutter“ stand.

Wer hat wohl nun mehr geknabbert? Na klar, die Fitnessgruppe. Wir scheinen automatisch davon auszugehen, dass Fitnessprodukte weniger Kalorien enthalten oder gesünder sind. Dies unterstützt das Ergebnis einer weiteren Studie, die nachgewiesen hat, dass wir uns nach dem Konsum von Fitnessprodukten weniger bewegen. Fitness essen, statt Fitness machen – offensichtlich betrachten wir „Fitness-Lebensmittel“ als Ersatz für körperliche Aktivität.

Bewusstsein ist der Schlüssel

Die Welt ist also voller Verlockungen, die wir bewusst gar nicht wahrnehmen. Sind wir ihnen damit hilflos ausgeliefert? Nein, das sind wir nicht. Denn Bewusstsein ist genau das, um was es hier geht. Wenn wir bewusst und achtsam essen, sind wir schon gut gegen die große Völlerei gewappnet. Möglichst in Ruhe essen, langsam kauen, schmecken, was auf der Zunge liegt, sehen, was auf dem Teller ist. Natürlich ist dies im trubeligen Alltag nicht immer möglich. Aber wir können es uns als Ziel setzen und uns möglichst oft dazu aufrufen.

Und zum anderen kann man die Bewusstwerdung und das Wissen um solche Einflussfaktoren ja auch gezielt für eine gesündere Ernährung einsetzen. So kann beispielsweise die Familie noch bewusster darauf achten, möglichst oft zu den Mahlzeiten an einem Tisch zusammenzukommen. Man kann die kleine Schüssel für die Mittagspasta nehmen anstatt des großen Tellers oder auch genau andersrum: Wer zu wenig trinkt, der lege sich doch am besten ein möglichst großes Glas zu. Großes Glas, große Portion. Eigentlich ganz einfach, oder?

Bildnachweis

Artikeleinstieg: Rawpixel (istockphoto.com)

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