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Ein Mädchen mit blonden Haaren trägt einen Berg Wurzelgemüse. Es lacht, der Hintergrund ist ein Meer aus grünen Pflanzen.
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Beeinflusst unsere Ernährung unsere Entscheidungen?

Wir wollen vor dem ersten Kaffee nichts entscheiden und bekommen schlechte Laune, wenn unser Blutzucker sinkt. Was wir wann zu uns nehmen, macht mehr mit unserem Gehirn, als wir meinen.

Wenn Professor Dr. Soyoung Q Park fragt, ob das, was wir essen, Einfluss auf unsere Gesundheit hat, lautet die Antwort immer „ja“. Wenig überraschend. Fragt sie aber – wie neulich in einer Umfrage ihres Instituts –, ob die Ernährung möglicherweise auch unsere Gedanken und Entscheidungen beeinflusst, können sich das viele überhaupt nicht vorstellen. „Das ist der Gedanke vom freien Geist und einer philosophischen Unantastbarkeit, die gar nicht von so etwas Banalem wie unserem Essen beeinflusst sein oder mit profanen Dingen wie Fleisch und Blut zu tun haben kann“, sagt Prof. Dr. Park. Die Psychologin und Hirnforscherin beschäftigt sich seit Jahren mit Entschei­dungen, wie sie entstehen und wie sie sich verbessern lassen, und weiß: Unsere Ernährung ist alles andere als banal. Und sie hat Einfluss auf unsere Entscheidungen. Denn unser Gehirn funktioniert biochemisch.

Die besten Entscheidungen treffen Sie, wenn Sie sich nicht einseitig ernähren, sondern möglichst divers. Also: mit viel Obst und Gemüse, saisonal und regional.

Professor Dr. Soyoung Q Park leitet die Abteilung „Neurowissenschaft der Entscheidung und Ernährung“ am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DiFE).

Portrait: Professor Dr. Soyoung Q Park

Unsere Ernährung ist ein Teil von uns

„Durch unsere Ernährung verändern wir uns biologisch – wir tun etwas tatsächlich in uns hinein, was dann ein Teil von uns wird. Das muss man sich einmal bewusst machen“, sagt Prof. Dr. Park.

Für eine Studie hat sie den Einfluss von Proteinen auf unsere Entscheidungen unter die Lupe genommen: „Ich bin auf Forschungsergebnisse gestoßen, die darauf hindeuten, dass die Makronährstoffe, die wir zu uns nehmen, einen Einfluss auf unser Denken haben könnten. Makronährstoffe sind Proteine, Kohlenhydrate und Fett. Und abhängig davon, wie man dieses Verhältnis ändert, lassen sich die Aminosäuren im Blut verändern. Diese Aminosäuren sind Vorläufer für Neurotransmitter im Gehirn – sie können also ins Hirn gelangen und Hirnfunktionen verändern. So sind mein Team und ich darauf gekommen zu erforschen, ob unsere Nahrung die menschlichen Entscheidungen beeinflussen kann.“

Ein Experiment: haben oder nicht haben?

Dafür konnte Prof. Dr. Park mit ihrem Team den Beweis erbringen. In einem Experiment befand sich ein Proband in folgendem Dilemma: Vor ihm auf dem Tisch lag ein Geldbetrag von zehn Euro in Münzen. Sein Spielpartner wiederum durfte entscheiden, wie viel davon er seinem Gegenüber abgibt und entschied, acht Münzen für sich zu behalten und nur zwei Münzen abzugeben. Der Proband musste sich entscheiden: Entweder er nahm das unfaire Angebot an, um somit immerhin mehr Geld als vorher zu haben, oder er lehnte ab und keiner von beiden bekam Geld. Das Ergebnis: Ob der Proband ablehnte oder nicht, hing davon ab, was er vorher gegessen hatte.

Für das Experiment kam der Proband im Abstand von mehreren Tagen zweimal ins Labor. Bevor er die Entscheidung treffen musste, bekam er beide Male ein Frühstück mit Obst, Brot, Schinken, Käse, Milch und wurde gebeten, es ganz aufzuessen. Die Frühstücke wirkten auf ihn beide Male identisch. Der unsichtbare Unterschied: Einmal beinhaltete das Frühstück – im Vergleich zu der Menge an Kohlenhydraten – mehr Proteingehalt und das andere Mal weniger Proteine als Kohlenhydrate. Nach dem Frühstück, das mehr Proteine enthielt, nahm der Proband das Angebot an: Sein Eigeninteresse wog schwerer als seine Verärgerung.

Ein komplexes Zusammenspiel

Welche Schlüsse lassen sich aus diesem Experiment ziehen? Machen Proteine vernünftiger oder toleranter? Sollten wir vor wichtigen Entscheidungen mehr Proteine zu uns nehmen? „In unserer Studie ging es erst mal um einen ‚Proof of Concept‘ – also darum zu zeigen, dass gewisse Ernährungsweisen einen Einfluss auf das Gehirn haben und wie der Weg dahin innerhalb des Körpers aussieht. Aber das Zusammenspiel zwischen individuellem Körper und Ernährungsweisen ist sehr komplex. Es gibt einfach sehr viele verschiedene biochemische Prozesse, die unser Körper benötigt, und nicht nur diesen einen, den wir uns in der Studie selektiv angeschaut haben. Im Körper findet immer eine Kompensation statt: Führt man ihm mehr von der einen Sache zu, wird eine andere Sache weniger. Also einfach mehr Proteine zu sich zu nehmen ist nicht die Lösung, wenn dadurch auf andere wichtige Nährstoffe verzichtet wird. Die besten Entscheidungen treffen wir, wenn unser Gehirn unter möglichst guten Bedingungen arbeitet. Dazu gehört, dass wir es über unsere Nahrung mit vielen verschiedenen Nährstoffen versorgen. Also: Je abwechslungsreicher unsere Ernährung, desto besser sind unsere Entscheidungen.“

Wer frühstückt, lebt gesünder

Prof. Dr. Park hat als Mahlzeit und Versuchsobjekt aus mehreren Gründen das Frühstück gewählt. Vor dem Frühstück fastet unser Körper über Nacht für viele Stunden. Die am Abend eingenommene Mahlzeit hatte somit zum Zeitpunkt des Experiments keinen Einfluss mehr auf den Verlauf. Außerdem benötigt der Körper
Zeit für die Verstoffwechslung – es ließ sich also gut beobachten, wie die erste Mahlzeit unsere Entscheidungen im Laufe des Tages verändert. Ist frühstücken denn generell wichtig, um tagsüber gute Entscheidungen treffen zu können? „Es gibt viele Menschen, die das Frühstück aus verschiedenen Gründen ausfallen lassen. Das hat aber auch den Hintergrund, dass wir abends geselliger essen. Viele Verabredungen laufen über Abendessen. Darauf zu verzichten ist sozial viel schwieriger, als das Frühstück auszulassen. Auf der körperlichen Ebene gibt es aber eindeutige Hinweise darauf, dass es gesünder ist zu frühstücken. Nicht-Frühstücker haben zum Beispiel ein höheres Diabetesrisiko. Wir reden in diesem Zusammenhang von chrono-nutrischer Ernährung, also: Was isst man wann? Es gibt einige Studien, die ganz klar zeigen, dass dieselbe Mahlzeit – sagen wir mal eine Schüssel Müsli – ganz andere körperliche Reaktionen hervorruft, abhängig davon, ob wir sie morgens oder abends zu uns nehmen. Blutzucker zum Beispiel reagiert viel sensibler, wenn man abends kohlenhydratreich isst. Kohlenhydratreiches sollten wir daher eher früher am Tag zu uns nehmen.“

Der Mensch als Gewohnheitstier

Aber was für ein Frühstück unterstützt uns tatsächlich, wenn wir am Tag beispiels­weise zu einer Gehaltsverhandlung gehen? „Auf jeden Fall würde ich an dem Morgen nichts völlig Unerwartetes essen. Man will ja nicht Verdauungsprobleme in einem wichtigen Termin bekommen. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir Gewohn­heitstiere sind und unsere Sicherheit lieben. Klar ist unser Essen wichtig für die bioche­mischen Prozesse im Körper, aber da ist auch noch diese grundlegend andere Bedeu­tung, die Essen für uns hat. Nämlich die soziale Bedeutung! Viele Menschen – in einer Stresssituation oder wenn es ihnen nicht gut geht – würden dann gern etwas essen, was sie aus der Kindheit kennen. Milchreis oder Hühnersuppe beispielsweise. Der Grund dafür ist dann nicht die biochemische Zusammensetzung, sondern das damit assoziierte emotionale Gedächtnis. Sich wohlzufühlen und ein Gefühl von Sicherheit zu haben spielt bei der Frühstückswahl also eine wichtige Rolle.“

Daher spricht nichts dagegen, auch an herausfordernden Tagen bei der üblichen Frühstücksroutine zu bleiben. Doch wenn eine abwechslungsreiche Ernährung hilft, kluge Entscheidungen zu treffen – wie lässt sich das mit Routinen in Einklang bringen? „Das ist eigentlich ganz einfach“, sagt Prof. Dr. Park: „Eine saisonale und regionale Ernährung mit viel Gemüse und Obst. Das ist nicht nur nachhaltig, was man ja auch nicht ignorieren sollte: Wenn man sich danach richtet, was gerade Saison hat, muss man sich überhaupt nicht bemühen, den Speiseplan abwechslungsreich zu gestalten. Die Entscheidung können wir uns von der Natur abnehmen lassen.“
 

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Bildnachweis

Artikeleinstieg: Yana Tatevosian (istockphoto.com)
Portrait: Heiko Laschitzki

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