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Neurodiversität: nicht falsch, sondern anders

ADHS, Autismus, Legasthenie – sie alle werden als „neurologische Störung“ klassifiziert. Die Neurodiversitätsbewegung setzt sich dafür ein, dass die Spielarten menschlicher Gehirne anerkannt werden – als Varianten in der Vielfalt menschlicher Nervensysteme.

Kein Gehirn gleicht dem anderen. Wir unterscheiden uns – zum Beispiel darin, wie wir Informationen verarbeiten. Das Konzept der Neurodiversität folgt diesem Gedanken und stellt letztendlich die Fragen: Muss unser Gehirn auf eine bestimmte, neuro­typische Art und Weise ticken? Kann es nicht einfach auch nur neurobiologisch anders sein – und nicht gleich als krank gelten? Im Konzept der Neurodiversität spricht man von neurodivergenten Personen. Das bedeutet, dass es normtypische Menschen gibt, also solche, die neurobiologisch der Norm entsprechen. Aber es gibt eben auch diejenigen, die in ihrer Neurobiologie abweichen. Sie sind „neurodivergent“ – nicht krank. Das Konzept der Neurodiversität verschiebt den Fokus von Krankheit und Defizit in Richtung Vielfalt und Individualit.t. Menschen mit Autismus, ADS, ADHS*, Legas­thenie oder Dyskalkulie sind somit nicht gestört, sondern neurodivergent. Sie haben einfach nur ein Gehirn, das anders ausgeprägt ist.

Diverse Potenziale

Neurodiversität ist ein Ansatz, der es ermöglicht, neurodivergente Menschen ganz anders zu betrachten als bisher: weniger aus der Perspektive, was sie alles nicht können, sondern vielmehr mit dem Blick auf ihre Stärken. Bei Personen mit ADHS beispielsweise. Statt zu sagen: Sie haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu lenken, könnten wir erkennen: Ihre Kreativität ist beinahe grenzenlos, ihre Ideen sprudeln. Der Science-Fiction-Visionär Jules Verne und die Schriftstellerin Agatha Christie und Wolfgang Amadeus Mozart hatten ADHS, auch die Schauspielerin Emma Watson, Bill Gates oder Eckart von Hirschhausen leben damit. Bill Gates und Agatha Christie haben oder hatten noch dazu Legasthenie; Greta Thunberg, Albert Einstein oder Tim Burton sind berühmte Autisten und Autistinnen. Beispiele wie diese zeigen, zu was für ungewöhnlichen und beeindruckenden Ideen, Taten und Erfindungen neurodivergente Menschen fähig sind.

Neue Perspektiven

In unserer Gesellschaft werden neurodivergente Menschen allerdings dennoch häufig stigmatisiert und diskriminiert. Sie fallen mit ihrem Verhalten auf, stören Abläufe und Prozesse, die auf die „Normalos“ ausgerichtet sind, zum Beispiel in der Schule oder im Job. Nicht selten lernen sie schon als Kinder, dass sie anders sind und nicht „passen“ – mit all den negativen Erfahrungen, die sie in ihrer Entwicklung bremsen und sie psychisch stark belasten können. Sie bräuchten andere Voraussetzungen, damit sie gut lernen und arbeiten können, um ihren eigenen Weg zu gehen und auf eigenen Beinen zu stehen. Das Konzept der Neurodiversität kann die Gesellschaft und jeden Einzelnen von uns dazu anregen, unser Verständnis von Krankheit oder Behinderung zu über­denken. So könnte ein offenerer Umgang entstehen, der nach und nach eine neue Normalität schafft, in der Menschen im autistischen Spektrum, mit ADS und ADHS, Zwangsstörungen und anderen neurodivergenten Ausprägungen ganz selbstverständ­lich ein Teil unserer Gesellschaft sind – und mit ihren Ansichten und Fähigkeiten den Alltag für alle reicher machen.

*ADHS zeichnet sich durch Aufmerksamkeitsstörungen, körperliche Überaktivität und impulsives Verhalten aus. Bei ADS tritt der Aspekt der Hyperaktivität nicht auf.

Wer ist neurodivergent?

Bei neurodivergenten Menschen werden die aus der Umwelt eintreffenden Reize im Gehirn anders verarbeitet als bei neurotypischen Menschen. Dies ist zum Beispiel bei ADS und ADHS, Autismus, dem Tourette-Syndrom, Dyskalkulie oder Dyslexie der Fall.

 

Bildnachweis

Artikeleinstieg: Edwin-Tan (istockphoto.com)

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