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Ein älterer Herr steht vor einem roten Container. Er ist jugendlich gekleidet und blickt zur Seite.
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Nähe: Eine Frage des Alters

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist eine der längsten in unserem Leben. Aber gerade in den späteren Jahren birgt diese viele Herausforderungen. Denn oft stellt man sich die Frage: Wie nah sollten sich Eltern und erwachsene Kinder stehen?

Lieber unauffällig

Im Oktober 2020 sorgte ein Foto des damaligen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden für Aufruhr im Netz. Auf dem offiziellen Schwarzweißbild gibt der 79-Jährige seinem 51-jährigen Sohn Hunter einen Kuss auf die Wange, während beide sich im Arm halten. Zu viel für einige Amerikaner. In den sozialen Medien wurde die Geste als „unangebrachte Handlung zwischen Vater und Sohn“ bezeichnet, während andere die Aufnahme verteidigten. Joe Bidens Reaktion? Ein Kuss für seinen Sohn bei seiner Vereidigung zum Präsidenten. 

Aber warum ruft ein Kuss so heftige Reaktionen hervor? Zum einen ist dies kulturell bedingt. In vielen westlichen Kulturen ist der Austausch von Zuneigung in der Öffentlichkeit, selbst zwischen Familienmitgliedern, nicht die Norm. Auch in Deutschland trennt man häufig zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Verlässt man die Komfortzone, zum Beispiel seine Wohnung, gilt für viele: Bloß nicht auffallen! Der öffentliche Austausch von Zuneigung fällt da aus dem Rahmen und wird als unangemessen wahrgenommen. In privater Umgebung würde dies anders bemessen werden. 

Auf Distanz zu den Eltern gehen

Zudem geht für viele Menschen der Eintritt in das Erwachsenenalter mit der Abnabelung vom Elternhaus einher. Nesthocker, die sich nach der Berufsausbildung oder dem Studium immer noch die vier Wände mit Mama und Papa teilen, gelten in Deutschland eher als unselbstständig und werden kritisch von der Gesellschaft beäugt. Und auch in der Literatur oder im Film kommen erwachsene Charaktere mit engen Beziehungen zu ihren Eltern eher schlecht weg. Man denke nur an den tragischen Helden Ödipus oder Norman Bates aus Alfred Hitchcocks Klassiker „Psycho“.

Ist also Distanz zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern die Norm? Eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Denn wie jede Beziehung ist auch die zwischen Eltern und Kind von Distanz und Nähe geprägt – und diese beiden Begriffe definiert jeder Mensch individuell. Prägend für das Verhältnis sind Erfahrungen in der Kindheit und Jugend. Eine Studie der Universität Jena fand heraus, dass familiäre Konflikte während der Pubertät auch nach Jahrzehnten für Distanz zwischen Eltern und Kind sorgen können. In derselben Untersuchung stellten die Wissenschaftler fest, dass junge Erwachsene die Nähe zu ihren Eltern noch genießen. Sobald sie aber finanziell unabhängig sind und eine eigene Familie gründen, lässt die emotionale Bindung zu Mutter und Vater häufig nach.

„Umarmer“ werden nicht geboren, sondern gemacht

Ebenso prägend ist die frühkindliche Erziehung. Wer schon als Kind viel körperliche Zuneigung im Kreis der Familie zum Beispiel durch häufiges Umarmen genossen hat, wird auch als Erwachsener gern andere umarmen. So die These der Wissenschaft. Demnach müssen Eltern, die ihrem Nachwuchs diese Zuneigung verweigert haben, damit rechnen, dass ihre Kinder im Erwachsenenalter körperliche Nähe eher ablehnen und ihre Bedürfnisse nicht erfüllen. Hier definiert also auch das eigene Bedürfnis, wie nahe man sich kommen möchte. 

Dabei sind gerade im Alter die Kinder und Enkelkinder die wichtigsten Bezugspersonen, die das Wohlergehen und die Lebensqualität beeinflussen. Dies ist aber nicht mit räumlicher Nähe gleichzusetzen. Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Altersfragen ergab, dass durch den sozialen Wandel erwachsene Kinder immer seltener in der Nähe ihrer Eltern leben. Während 1996 noch rund 38 Prozent in derselben Gegend lebten, waren es 2014 nur noch knapp 26 Prozent. Trotz der räumlichen Trennung blieb die Kontakthäufigkeit in den beiden Vergleichsjahren stabil: In 78 Prozent der befragten Familien gab es mindesten einmal in der Woche Kontakt.

Kinder schulden ihren Eltern keine Nähe

Basierend auf diesen Ergebnissen bezeichnet das Deutsche Zentrum für Altersfragen die Beziehung zwischen älteren Eltern und erwachsenen Kindern als „Nähe auf Distanz“. Ein Modell, mit dem beide Generationen zufrieden zu sein scheinen. Was passiert aber, wenn Eltern im Alter mehr Nähe einfordern, als ihre Söhne und Töchter bereit sind zu geben? 

Denn auch im Alter lässt das Bedürfnis nach Berührungen nicht nach. Nähe hat ein Leben lang einen positiven Effekt auf die Gesundheit. Fehlt sie im späteren Lebensabschnitt, wirkt sich das auch auf die Psyche von Senioren aus.

Was also tun, wenn Eltern nach zu viel Nähe verlangen? Psychologen raten, dass sich die Kinder in solchen Situationen fragen, wie viel Kontakt zu ihren Eltern ihnen guttut. Auch wenn viele es anders sehen, lehnen viele Forscher eine moralische Verpflichtung der Kinder gegenüber Mutter und Vater ab. Das betrifft auch die Pflege im Alter. Benötigen die Eltern Hilfe, stehen die Kinder oft vor dem Konflikt, helfen und gleichzeitig ihre Unabhängigkeit bewahren zu wollen. In diesen Fällen entscheidet auch häufig der Faktor Nähe: Menschen, die eine positive frühkindliche Bindung zu ihren Eltern mit liebevoller Zuneigung erfahren haben, sind eher dazu bereit zu pflegen. Denn sie geben gern die Zuneigung zurück, die sie in ihrer Kindheit positiv geprägt hat. 

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Bildnachweis

Artikeleinstieg: BONNINSTUDIO (stocksy.com)

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