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Eine junge Frau steht im Freien vor einer Industrie-Kulisse. Ihre Haare wehen im Wind.
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Fernbeziehung: Klappt Nähe trotz Distanz?

„Durch die Ferne wächst die Liebe“ könnte das inoffizielle Motto jeder Fernbeziehung sein. Dank Videoanrufen und verschiedener Messengerdienste ist man sich zwar trotz räumlicher Trennung nah, aber können Apps und Technik echte Nähe ersetzen? Und wie wirkt sich das auf die Gesundheit aus?

9:16 – das neue Beziehungsformat?

Wie sich digitale Nähe anfühlt, haben viele Menschen durch die Pandemie erfahren: Kollegen, Freundinnen und Verwandte trafen wir häufig nicht mehr persönlich, sondern nur noch im Hoch- oder Querformat. Für Menschen in Fernbeziehungen war das bereits vor der Pandemie Alltag. Wen Hunderte Kilometer trennen, verbindet halt das Internet.

In Deutschland wird schätzungsweise jede achte Beziehung auf Distanz geführt. Tendenz steigend. Denn gerade die jüngere Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, steht der Date-Digitalisierung offen gegenüber. Laut einer aktuellen Umfrage einer Online-Partnerbörse zur Zukunft von Liebe und Beziehungen glauben 69 Prozent der Befragten, dass es aufgrund der technischen Möglichkeiten und der Globalisierung mehr Fernbeziehungen geben wird.

Fluch und Segen zugleich

Alltag in einer Fernbeziehung? Das klingt nach einem Paradoxon. Sieht man sich doch nur an den Wochenenden, Feiertagen oder im Urlaub. Doch laut einer kanadischen Fernbeziehungsstudie werden Paare kreativ beim Einsatz von digitalen Hilfsmitteln: So nutzen viele Videochats, um den Partner oder die Partnerin am Kochen oder Wohnungsputz teilhaben zu lassen. Oder sie nehmen das Smartphone mit ins Bett, um gemeinsam vor dem Bildschirm einzuschlafen. Gerade diese gewöhnlichen Momente des Alltags geben den Paaren ein Gefühl von Nähe und Intimität, obwohl sie nicht am gleichen Ort sind.

Apropos Intimität: Natürlich spielte für die befragten Pärchen auch körperliche Nähe eine Rolle in der Beziehung. Vielen zeigte dabei die digitale Kommunikation die Grenzen auf. Während die einen den Partner oder die Partnerin durch die gemeinsame sexuelle Erfahrung per Videochat noch mehr vermissten, fühlten sich andere vor der Kamera unwohl, zu schüchtern, hatten Sicherheitsbedenken oder empfanden die Erfahrung als seltsam. Insgesamt bewerteten die an der Studie teilnehmenden Paare digitale sexuelle Intimität als schwierig, weil dabei die echte Nähe fehlte.

Einfach unnachahmlich

Aus Sicht der Psychologie ist das auch der entscheidende Nachteil von Beziehungen, die hauptsächlich im digitalen Raum und auf Distanz stattfinden: Hier fehlt die glücklich machende Hormonausschüttung, die durch positive körperliche Nähe ausgelöst wird. Auch wenn die Digitalisierung in vielen Bereichen die Distanz in einer Fernbeziehung aufhebt, ist es der Wissenschaft bisher nicht geglückt, die menschliche Berührung mit Maschinen erfolgreich zu reproduzieren oder zu ersetzen. Der Glückscocktail aus Oxytocin, Dopamin und Phenethylamin entsteht beim Kuscheln, Händchenhalten oder beim Liebesspiel, aber nicht bei einem Videoanruf oder einer Sprachnachricht.

Kuscheln als Beziehungskitt

Wie viel Nähe als angenehm empfunden wird, ist individuell. Fakt ist aber, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, für das Körperkontakt zu anderen ein Grundbedürfnis ist. Das gilt nicht nur in Partnerschaften, sondern auch bei allen anderen sozialen Interaktionen. 

In einer Liebesbeziehung spielt körperliche Nähe gleich auf zwei Ebenen eine wichtige Rolle – auf der sexuellen sowie der emotionalen. Die Effekte werden häufig nur unterbewusst wahrgenommen:

  • Umarmungen oder die Hand auf der Schulter sagen mehr als tausend Worte. Berührungen während eines Gesprächs unterstreichen nicht nur die Intention des Gesagten, sondern übermitteln Emotionen auch effizienter. 
  • Berührungen, die als angenehm empfunden werden, regen die Produktion von Oxytocin an. Das Kuschelhormon bewirkt, dass wir uns entspannen und wohlfühlen. In einer Partnerschaft stärken positive Berührungen so die emotionale Bindung – und das Immunsystem.
  • Auch bei der körperlichen Anziehung zu einem anderen Menschen sind Berührungen ein entscheidender Faktor. Sie bauen Distanz ab und Intimität auf.

Fernbeziehungen können stressen

Aber was passiert, wenn ein Mensch auf Umarmungen, Kuscheln und Co. verzichten muss? Im schlimmsten Fall kann der Mangel an menschlicher Nähe psychische wie physische Erkrankungen begünstigen. So haben Studien belegt, dass Menschen, die lange einsam leben, eine kürzere Lebenserwartung und ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben und unter Depressionen und Angstzuständen leiden können.

Wer eine Fernbeziehung führt, muss natürlich nicht mit diesen Folgen rechnen, vor allem wenn neben der Partnerschaft ein soziales Netzwerk aus Freunden und Familie im Umfeld existiert. Dennoch kann sich der (unfreiwillige) Verzicht auf Nähe zum Partner oder zur Partnerin bemerkbar machen. Besteht zum Beispiel ein starkes Bedürfnis nach körperlicher Interaktion, das nicht erfüllt wird, kann dies Stress und Frustration auslösen. Auch der Mangel der oben genannten Glückshormone kann Gefühle von Einsamkeit, Ängste und Stress auslösen.

Eine Studie der Universität von Chicago mit 400 Paaren fand heraus, dass Menschen in Fernbeziehungen ein höheres Stresslevel haben als die, die eine Beziehung vor Ort führen. Wissenschaftler führen diesen Befund auf den Mangel an körperlicher Nähe zurück, denn Kuscheln, Massagen und Sex regen die Produktion von Oxytocin an, das stresssenkend wirkt.

Die gute Nachricht ist: Sobald sich die Paare wieder in die Arme schließen, erleben sie die gleichen Glücksgefühle wie die, die zusammenleben. Auch wenn digitale Mittel echte Nähe nicht ersetzen, können sie helfen, die Zeit der Trennung zu überbrücken. Experten empfehlen, in diesen Phasen offen über Gefühle und die gegenseitige Zuneigung zu sprechen. Und das am besten von Angesicht zu Angesicht im Videochat. Denn Blickkontakt und Mimik können bereits dabei helfen, Nähe zu schaffen.

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Bildnachweis

Artikeleinstieg: Alexey Kuzma (stocksy.com)

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