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Ein junger Mann hat den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und schaut gedankenverloren durch ein regennasses Fenster in die Ferne.
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Corona: Mehr Menschen leiden an Sucht und Depression

Wissenschaftler weltweit hatten es befürchtet: Während der Corona-Pandemie wurden mehr Menschen süchtig und kämpften mit Depressionen. Was waren und sind die Auslöser dafür?

Schon zu Beginn der Pandemie warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor: Mehr Menschen als zuvor könnten zu viel Alkohol konsumieren und auch süchtig werden. Denn Isolation und Einsamkeit – Folgen der wenigen Kontakte zu anderen – bereiten einer möglichen Sucht guten Nährboden. Zwei Jahre später ist aus der Befürchtung Realität geworden. Überall in Deutschland stellen Suchtexperten eine Zunahme des Alkoholmissbrauchs fest. Und nicht nur das: Auch immer mehr Menschen leiden seit dem Ausbruch von Covid-19 unter Depressionen.

Corona und Alkoholsucht

Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Schließungen von Clubs, Restaurants und das Verbot von großen Feiern: all das trug dazu bei, dass es um uns herum für eine lange Zeit deutlich stiller wurde. Nur noch selten konnten wir im ersten Lockdown überhaupt andere Menschen sehen oder treffen. Die nahm Einsamkeit zu. Dennoch ist der durchschnittliche Alkoholkonsum im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie ungefähr gleich geblieben. Wie kann das sein? Die Menschen tranken jetzt mehr zu Hause, so die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Wer generell Alkohol trinkt, um sich abends zu entspannen, Langeweile oder Sorgen zu vertreiben, griff nun noch eher zum Glas. Rund 25 Prozent der Erwachsenen ging es so.

Besonders gestresste Menschen tranken dabei im Schnitt mehr als andere. Gerade die hohen Mehrfachbelastungen – zum Beispiel im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig die Kinder beschulen und keine Möglichkeit des Ausgleichs zu haben – spielten dabei eine Rolle, ob man eher zum Alkohol griff oder nicht. Anderen setzte der Stress nicht zu, sondern eher das Gefühl, nutzlos zu sein. Beides ist gefährlich für die Psyche. Die Zahlen zeigen deutlich, wohin die Reise geht: In einer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim und der Uniklinik Nürnberg hatten im ersten Lockdown 37 Prozent von über 2.000 Erwachsenen angegeben, sie würden mehr Alkohol trinken als zuvor. Ähnliches gilt übrigens auch für das Rauchen. 

Mehr Menschen rauchen wieder

Aktuelle Studien lassen vermuten, dass die Corona-Zeit viele Menschen dazu verleitet hat zu rauchen. Fast 31 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren greifen zur Zigarette, wie die Langzeitstudie Debra (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) zeigt. Vor Corona – Ende 2019 – lag der Anteil der Raucherinnen und Raucher in der Bevölkerung noch bei etwa 27 Prozent. Suchtforschende vermuten, dass besonders die frischen Ex-Raucher wieder rückfällig geworden sind.

Vielen Menschen gelingt eine Flucht aus dem Corona-Alltag nur mithilfe von Nikotin oder Alkohol. Diese Substanzen machen es leicht, in die Sucht abzurutschen. Beide sind extrem gefährlich für unsere Gesundheit: Analysen gehen von jährlich etwa 74.000 Todesfällen in Deutschland durch Alkohol allein oder bedingt durch den Konsum von Tabak und Alkohol aus. An den Folgen des Rauchens sterben jedes Jahr mehr als 127.000 Menschen. 

Süchtig nach digitalen Medien

Doch nicht nur Alkohol und Nikotin versprechen Erleichterung mit gefährlichen Folgen – die Pandemie hat auch die Nutzung digitaler Medien weiter verstärkt, denn der Drang danach nimmt zu. Oft sind die digitalen Kanäle während der Ausbruchswellen die einzige Möglichkeit, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Und das hat Folgen.

Mehr als jeder Dritte nutzt seit Beginn der Pandemie häufiger das Smartphone als zuvor. Das gilt vor allem für die unter 30-Jährigen: 72 Prozent verwenden es jetzt häufiger. Und bei vielen wird die Nutzung zur Gewohnheit, die automatisch abläuft: Morgens gilt dem Smartphone der erste Blick, abends oft der letzte. Wir verlieren nach und nach die Impulskontrolle: Das Mobiltelefon dominiert uns und nicht anders herum.

Auch der Konsum von Videos hat in der Corona-Krise deutlich zugenommen. Das sagen 35 Prozent der Deutschen. Fast ebenso viele geben an, dass sie mehr online surfen als vor der Pandemie. Rund zwei Drittel der unter 30-Jährigen beobachten bei sich selbst mehr Streaming und Fernsehen, mehr Surfen sowie mehr Zeit in sozialen Netzwerken. Dies alles sind Strategien, um mit der Krise fertig zu werden.

Kinder und Jugendliche stark betroffen

Gerade auch Kinder und Jugendliche greifen in der Corona-Zeit mehr zu den digitalen Medien. Besonders wenn Schulen und Vereine schließen müssen, sind auch hier die digitalen Kanäle häufig die einzige Möglichkeit, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Zudem vertrieben sich viele Kinder die Langeweile im Lockdown mit Videos schauen, chatten oder spielen. Auch das blieb nicht ohne Konsequenzen.
Das krankhafte Computerspielverhalten und die Social-Media-Sucht bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie haben einer Studie zufolge zugenommen: Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) kommt in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass sich mehr als 4 Prozent der 10- bis 17-Jährigen krankhaft verhalten. Im Bereich Computerspiele hat sich die Zahl der Betroffenen von rund 144.000 im Jahr 2019 auf 219.000 im Jahr 2021 erhöht, bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen wie Tiktok, WhatsApp oder Instagram stieg sie von 171.000 auf 246.000. 

Corona verstärkt Depressionen

Die Corona-Pandemie verstärkt nicht nur das Suchtverhalten. Besonders bei Menschen mit psychischen Problemen wirkt diese Krisenzeit wie eine Art Katalysator, der Krankheiten wie Depressionen auslöst, verstärkt oder chronifiziert. Rund 44 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression berichten davon, dass sich ihre Symptome in den vergangenen sechs Monaten verschlechtert haben – bis hin zu Selbstmordversuchen. Dies zeigt die Sondererhebung des „Deutschland-Barometer Depression“.

Eine Studie der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH) zeigt: Im ersten Lockdown im Jahr 2020 sind viele Menschen depressiv geworden oder litten unter Essstörungen. Die Anzahl der Menschen, die schwere Symptome haben, hat sich in dieser Zeit verdreifacht, bei Betroffenen mit Zwangsstörungen sogar verfünffacht. Besonders traf es Frauen und jüngere Menschen. Die Forschenden vermuten, dass diese Gruppen sehr stark unter den geringen sozialen Kontakten gelitten haben. Ihr Alltag brach zusammen, Strukturen, die Halt gaben, lösten sich plötzlich auf. Therapiesitzungen fielen aus oder wurden aus Angst vor Covid nicht wahrgenommen.

Ähnliches besagen auch Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD: Besonders die jungen Menschen leiden psychisch: Jugendliche um 30 bis 80 Prozent stärker als die Gesamtbevölkerung. Die OECD verglich in 15 Ländern die Verbreitung von Depressionen und Angststörungen vor und im Lauf der Pandemie. Überall zeigte sich, dass die Störungen wesentlich häufiger auftreten. Es fehlten soziale Beziehungen, Sportmöglichkeiten, die geregelte Arbeit und oftmals ein sicheres Einkommen. Die Angst vor der Zukunft wuchs und hinterlässt Spuren.

Depression nach einer Covid-Erkrankung

Auch Menschen, die eine Covid-Erkrankung durchlebt haben, leiden mitunter danach an Depressionen, Ängsten und Schlafstörungen. Ein Drittel erkrankt neurologisch und psychiatrisch, wie eine britische Studie ermittelt hat.

Warum ist das so?

Covid-Erkrankte berichten davon, dass sie vielfältig unter der Krankheit gelitten haben: unter der Isolation, der Hilflosigkeit und unter der Ungewissheit, wie ihre Erkrankung verlaufen wird und welche Symptome auftreten werden. Oft grübeln sie über mögliche Langzeitfolgen nach. Mitunter fühlen sie sich allein gelassen mit der Krankheit, auch nach überstandener Infektion.

Mögliche Auswege

Wenn Sie starke Veränderungen in Ihrem Verhalten selbst bemerken oder Ihnen im Freundes- oder Familienkreis Menschen begegnen, die sich stark verändert haben, holen Sie sich Rat ein. Eventuell erkennen Sie erste Anzeichen von Suchtverhalten oder depressiven Symptomen. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt über mögliche Hilfen oder wenden Sie sich an eine Beratungsstelle in Ihrer Nähe. 

Suchen Sie den sozialen Kontakt, auch wenn es nur in digitaler Form zunächst möglich sein sollte. 

Anlaufstellen:

  • Bundesweite Sucht- und Drogen-Hotline (24 Stunden):01806 - 31 30 31 (20 ct/Min., Mobilfunkpreise abweichend), www.sucht-und-drogen-hotline.de
  • Die Telefonseelsorge: kostenlose, anonyme Beratung rund um die Uhr, verweist auf Wunsch an geeignete Beratungsstellen weiter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222
  • Nummer gegen Kummer: Kinder und Jugendtelefon 116 111, Elterntelefon 0800-111 0 550
  • Informationstelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 0221-89 20 31. Auf Wunsch wird Ihnen hier eine Beratungseinrichtung in Ihrer Nähe genannt.

Bleiben Sie auch in Stressphasen gesund!

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Artikeleinstieg: Rawpixel.com (Adobe Stock)

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