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Können wir Träume steuern?

Die einen leiden unter Albträumen, die anderen nutzen sogenannte Klarträume für effektiveres Training. Unser Einfluss auf das, was im Schlaf passiert, ist größer, als wir denken.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten beeinflussen, was Sie träumen – was würden Sie tun? Menschen wiedertreffen, die aus Ihrem Leben verschwunden sind? Oder Dimensionen verbiegen wie in „Inception“? Kurz nach dem Riesenerfolg des Spielfilms mit Leonardo DiCaprio wurden am Institut für Sportwissenschaften in Bern 300 sogenannte Luzid- oder Klarträumende befragt – also Menschen, die sich ihres Traumzustands bewusst sind und den Verlauf teilweise beeinflussen können. 

Es zeigte sich, dass über 80 Prozent der Befragten versuchten, im Traum vor allem eine gute Zeit zu haben. Sie flogen umher oder träumten sich sexuelle Erlebnisse herbei. Doch etwa jede fünfte befragte Person trainierte im Klartraum praktische Fähigkeiten.
Im Traum den doppelten Salto üben, die Schusstechnik mit links perfektionieren – kann das funktionieren? 

Lassen sich mit Klarträumen motorische Fähigkeiten steigern? „Wenn man Bewegungsabläufe in Gedanken durchspielt, dann werden sie besser“, sagt Professor Dr. Michael Schredl. „Das gilt für mentales Training im Wachzustand, aber auch für luzides Träumen – nur dass man da beim Trainieren auch noch schlafen kann. Daher sind Klarträume für viele das ultimative mentale Training.“

Klarträumen trainieren

Professor Dr. Michael Schredl leitet den wissenschaftlichen Teil des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er gehört zu den wenigen Forschenden weltweit, die Träume – und speziell Klarträume – untersuchen. Einer Umfrage seines Instituts zufolge hatte jede zweite befragte Person schon einmal einen luziden Traum, jede fünfte sogar regelmäßig. 

Um dies nicht dem Zufall zu überlassen, gibt es sogenannte Induktionstechniken, mit denen sich die Häufigkeit der Luzidtäume steigern lässt. Wer beispielsweise tagsüber wiederholt seine Finger durchzählt und dies auch in seinen Träumen verinnerlicht, weiß, dass es sich um einen Traum handelt, wenn sich an der Hand mehr als fünf Finger befinden.

Bin ich wach oder schlafe ich?

„Beim luziden Träumen machen wir Realitätschecks, also: wahrnehmen, in welchem Geisteszustand man sich befindet. Das ist eine Art Geistesschulung, ähnlich wie Meditieren. Nur lässt sich der Geist nicht gern belehren. Der ist träge. Daher ist das für viele richtig hartes Training. Ich selbst habe fast drei Monate lang geübt, bis es geklappt hat“, erzählt der Traumforscher, während er bei warmen Temperaturen am
Neckar entlang schlendert. Seit 1996 hat er regelmäßig Klarträume. 

Ob jeder Klarträume haben könne, ließe sich noch nicht beantworten, sagt Schredl. Er hat aber festgestellt, dass die Häufigkeit abnimmt, wenn man aufhört zu trainieren. „Das kann ich bisher aber nur mit einer Einzelstudie belegen“, sagt er. Diese umfasst allerdings über 15.600 Träume – seine eigenen, denn Schredl dokumentiert seit den frühen 1980er-Jahren jeden einzelnen seiner Träume in einer Datenbank.

Klarträume können Kraft geben

So bewusst wie Professor Schredl sind sich die meisten Menschen ihrer Träume nicht: Wir träumen zwar jede Nacht, doch daran erinnern wir uns vor allem dann, wenn es erschreckend oder besonders bizarr war. Ist das nicht der Fall, gehen wir oft davon aus, nichts geträumt zu haben. Die Träume, an die wir uns erinnern, können sich auf unseren Alltag auswirken: Wer einen luziden Traum hatte, fühlt sich in der Regel gut und voller Energie. Manchen kommen wichtige kreative Anregungen in Träumen. Wie Paul McCartney, dem die Melodie von „Yesterday“ im Schlaf einfiel. Doch nicht alle Träume geben uns Kraft und Kreativität.

Wer an Albträumen leidet

Schätzungsweise leiden fünf Prozent aller Menschen unter häufigen Albträumen. Sie können in Zusammenhang mit privaten oder beruflichen Stresssituationen auftreten. Besonders anfällig für Albträume sind kreative, sensible Personen, die sich gut in andere hineinversetzen können. Professor Schredl geht hierbei von Veranlagung aus. Auch Personen, die häufig Ängste und depressive Gefühle haben, träumen öfter schlecht; ebenso Menschen mit einem tief sitzenden Trauma.

Albträume wirken sich stärker auf unser Wachleben aus als andere Träume: Viele bekommen Angst vor wiederkehrenden Albträumen. Sie kehren wieder und stabili­sieren sich, weil sie nie zu Ende geträumt werden, weiß Professor Schredl: „Mit der Angst ist es so: Je mehr man versucht, sie zu vermeiden, desto größer wird sie. Wenn Sie zum Beispiel eine Spinnenphobie haben und alle Orte vermeiden, wo Spinnen sein könnten, dann bekommen sie quasi Angst vor der Angst. Und bei Albträumen legt man das ultimative Vermeidungsverhalten an den Tag, nämlich aus dem Traum aufzu­wachen. Man ist dann zwar wach, hat aber nicht gelernt, den Albtraum zu bewältigen. Dabei geht das eigentlich erstaunlich einfach.“ 

Albträume besiegen

Und so lautet Schredls Prinzip, um Albträume loszuwerden: Wir führen uns im Wach­zustand die Albtraumsituation noch einmal vor Augen und überlegen uns einen angenehmeren Verlauf. Das üben wir fünf bis zehn Minuten am Tag für einen Zeitraum von etwa zwei Wochen.

Können wir dadurch die Albtraumsituation entschärfen, wenn sie das nächste Mal auftritt? „Nein, besser! Die meisten Menschen haben die Albträume dann gar nicht mehr“, hat Professor Schredl festgestellt. „Normalerweise suchen wir ja Lösungen, wenn wir Angst haben. Im Albtraum laufen wir weg, wir vermeiden. Mit der Bewältigungsstrategie lernen wir tagsüber einen besseren Ansatz, und wenn wir die Lösung dann im Traum erfolgreich umgesetzt haben, erinnert man sich meistens nicht mehr. Es lässt uns nicht mehr aufschrecken. Dann träumt man vielleicht noch drei, vier andere Sachen hinterher und glaubt, man hätte die Albtraumsituation gar nicht gehabt. Bei den meisten funktioniert diese Technik ziemlich gut.“

3 Tipps gegen Albträume

Die Bewältigungsstrategie von Prof. Dr. Schredl:

  1. Konfrontation
    Schreiben Sie Ihren Albtraum möglichst detailliert auf. Kinder können ihn auch aufmalen.
  2. Bewältigung
    Geben Sie Ihrem Traum eine neue Wendung: Ergänzen Sie ihn um etwas, was die Angst mindert.
  3. Trainieren
    Üben Sie Ihr neues Skript zwei Wochen lang etwa fünf bis zehn Minuten pro Tag.

Warum wir träumen

Im Gegensatz zu der Bekämpfung von Albträumen sind viele weitere Bereiche der Traumforschung noch ungeklärt. Zum Beispiel warum wir überhaupt träumen. Träumen wird definiert als subjektives Erleben während des Schlafes. Es gibt Positionen, die davon ausgehen, dieses subjektive Erleben während des Tages sei derart wichtig zum Problemelösen, dass die Natur sich nicht die Mühe gemacht hat, diesen Modus nachts abzuschalten. Andere sagen: Es ergibt Sinn, dass man im Traum bestimmte Situationen durchspielt, um im Wachzustand dafür gewappnet zu sein.

Und die Position von Professor Schredl? „Ich stehe dazwischen. Es ergibt schon Sinn, dass man sagt, da werden Sachen geübt. Bei anderen Sachen bin ich mir nicht ganz sicher, ob das alles so problemlöseorientiert ist. Träume sind eben Erlebnisse und aus diesen Erlebnissen kann man etwas lernen. Aber man sollte die Träume nicht eins zu eins annehmen, sondern sie für sich einordnen und bewerten. 

"Träumen ist wie Spielen: Man tut es nicht, um etwas zu erreichen, kann dabei aber viel üben und trainieren."

Ein Kollege hat Träumen mal mit Spielen verglichen, das hat mir gefallen. Denn: Spielen selber hat ja keinen Zweck. Kinder spielen nicht, um etwas zu erreichen. Aber trotzdem wird während des Spielens viel geübt und trainiert. Eigentlich ein ganz schönes Bild.“
 

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