
Wechseljahre: Wo ist meine Mitte?
„Da muss man einfach durch.“ Mit diesem Mindset sind Frauen bisher durch ihre Wechseljahre gegangen. Falsch. Es gibt viele Wege, damit Frauen körperlich und seelisch im Gleichgewicht bleiben.
Die Gesundheit von Frauen wurde in der Medizin von jeher stiefmütterlich behandelt. Ein zentraler Punkt ist die Forschung: Trotz Fortschritten in den vergangenen 20 Jahren sind Frauen in klinischen Studien bis heute unterrepräsentiert. Diese medizinische Benachteiligung hat einen Namen: Gender Health Gap, eine Geschlechterungleichheit in medizinscher Forschung und Versorgung.
Die Folge dieser Dysbalance lässt sich in einer ernüchternden Zahl zusammenfassen: Frauen verbringen laut dem Weltwirtschaftsforum um 25 Prozent mehr Lebensjahre bei schlechter Gesundheit als Männer. Umso wertvoller ist es, dass ein zentrales weibliches Gesundheitsthema nun Aufwind bekommt: Die Perimenopause, gemeinhin als Wechseljahre bekannt, rückt immer stärker in den medizinischen Fokus.
Mehr Wissen über die Wechseljahre
Für Dr. Julia Heitz, Gynäkologin am Medizinischen Versorgungszentrum der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte, eine längst überfällige Entwicklung. „Neun Millionen Frauen in Deutschland sind davon betroffen, weltweit sind es eine Milliarde. Diese Frauen brauchen Wissen darüber, was bei ihnen passiert. Denn nur dann können sie auch gut für sich sorgen und körperlich wie seelisch im Gleichgewicht bleiben.“
Beispielsweise geht es auch um das Wissen darüber, wie lange dieser Prozess des hormonellen Wechsels dauert und wie facettenreich er sein kann. Denn anders als gemeinhin angenommen startet er nicht erst mit der ersten Hitzewallung um die 50. „Man geht davon aus, dass es im Schnitt schon ab 35 Jahren erste Anzeichen gibt“, so Dr. Heitz. Wann der Hormonwechsel deutlich spürbar wird und für konkrete Beschwerden sorgt, ist jedoch sehr individuell.
Manche Frauen haben bereits in jungen Jahren die ersten konkreten Symptome, die aufgrund des jungen Alters oft nicht richtig zugeordnet werden. Andere wiederum spüren den Wechsel erst in der sogenannten Post-Menopause, in der der Hormonspiegel schon extrem gesunken ist.

Verläufe genetisch bedingt
Diese unterschiedlichen Verläufe sind vermutlich genetisch bedingt. „Wenn die Mutter schon früh mit Symptomen zu kämpfen hatte, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass das bei einem selbst auch so sein wird.“
Tipps für die Balance
Stoffwechsel entlasten
- Essenspause von 12 bis 14 Stunden über die Nacht
- auf komplexe Kohlenhydrate setzen (Hafer, Quinoa, Vollkorn)
Hormone natürlich stabilisieren
- eiweißbetont essen (ca. 25 bis 30 Gramm pro Mahlzeit)
- Muskelaufbau (2- bis 3-mal pro Woche Krafttraining)
- abendliche Entspannungsroutinen (z. B. Atem- oder Vagusnerv-Übungen)
Beschwerden in den Wechseljahren
Gibt es klassische Beschwerden, die jede Frau hat? Ein Großteil leidet an Schlafstörungen, an nächtlicher Unruhe mit stundenlangem Herumwälzen. Viele erleben plötzlich starkes PMS, also körperliche und psychische Beschwerden vor der Periode. Gelenkschmerzen sind verbreitet, ebenso Verspannungen oder Gewichtszunahme. Die bekannten Hitzewallungen sind natürlich auch häufig, setzen aber oft erst zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt ein.
Und auch psychisch schlägt sich der Hormonwechsel nieder: Gerade zu Beginn erleben Frauen oft eine innere Unruhe oder Stimmungsschwankungen, die sie selbst nicht einordnen können. Das Problem: Auch auf medizinischer Seite herrschte hier lange große Unwissenheit – mit Folgen für die Betroffenen. „Nicht wenige Frauen wurden und werden in dieser Zeit fälschlicherweise mit Antidepressiva behandelt“, so Julia Heitz.
Mehr Wissen muss her, aufseiten der Medizin, aufseiten der Betroffenen: zur Symptomatik und zum Angebot an Therapiemöglichkeiten. Die bekannteste ist die Hormonersatztherapie, der viele Frauen bis heute jedoch skeptisch gegenüberstehen. Denn eine falsch ausgewertete Studie brachte die Hormonersatztherapie einst in Verbindung mit erhöhtem Brustkrebsrisiko. Dies sei zwar aufgrund der Falschauswertung nicht haltbar, sagt Heitz, stecke jedoch immer noch in den Köpfen. „Fakt ist: Es gab in einer Kombinationstherapie mit synthetischen Hormonen, Östrogen und Gestagen ein minimal erhöhtes Risiko, das ähnlich einzuordnen ist wie täglich ein Glas Wein, Übergewicht oder wenig Bewegung.“
„Es ist wichtig, dass Frauen Beratung bekommen und dann ganz genau schauen: 'Was kann ich tun, um mich zu stärken?'“

Die meistverordnete Hormonersatztherapie heutzutage ist jedoch nicht mehr die synthetische, sondern die bioidentische. Und diese Therapie hat noch mal ein deutlich niedrigeres Risiko.
Im Gegenzug schützen beide Varianten, speziell aber die bioidentische, vor einer ganzen Reihe altersbedingter Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Osteoporose oder Demenz. „Man kann wirklich vieles damit abfedern“, sagt Dr. Heitz.
Weitere Therapiemöglichkeiten
Neben der Hormonersatztherapie stehen Frauen noch eine ganze Menge anderer Hilfsmittel zur Verfügung. Pflanzliche Mittel wie Extrakte der Traubensilberkerze oder der Schlehe beispielsweise. Oder Mikronährstoffe wie Zink, Eisen, Magnesium, Omega 3, Vitamin D oder B-Vitamine, die den Körper bei der Hormonregulation, dem Energiestoffwechsel und dem Knochenaufbau unterstützen.
Außerdem hilfreich: ein gesunder Lebensstil mit regelmäßigem Sport und bewusster Ernährung. Denn sinkt der Östrogenspiegel, vermehrt sich das Fettgewebe. Gleichzeitig geht der Anteil an Muskelmasse zurück. Pflanzliche Proteine und Kraftsport sind da ein gutes Gegengewicht. „Frauen haben Möglichkeiten, aus denen sie wählen können“, appelliert Dr. Heitz. „Aber dafür müssen sie über ihren Körper Bescheid wissen.“
Das alte Narrativ, dass Frauen da einfach durchmüssten oder dem schlichtweg nicht so viel Raum geben sollten, sei grundsätzlich falsch. „Es ist wichtig, dass Frauen Beratung bekommen und dann ganz genau schauen: ‚Was kann ich tun, um mich zu stärken?‘ Und das darf dann jede Frau für sich entscheiden. Denn sie allein bestimmt über ihren Körper.“
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