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Eine Ärztin und ihre Patientin sind in einem intensiven Gespräch. Die braunhaarige Patientin sieht man von hinten, die blonde Ärztin von vorn. Die Ärztin spricht mit der Patientin, mit ihrer Hand berührt sie sanft deren Arm wie zur Beruhigung. Um ihren Hals hängt ein Stethoskop.
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Gendermedizin: Warum Frauen und Männer eine eigene Behandlung brauchen

Dass Frauen- und Männerkörper unterschiedlich sind, ist offensichtlich. Die Medizin aber behandelt beide meist gleich – mit teilweise fatalen Folgen. Die Gendermedizin will genau das ändern. Dr. Hildegard Seidl von der München Klinik erklärt, weshalb dies so dringend nötig ist.

Alles begann in den USA der 1980er Jahre. Da fiel zum ersten Mal auf, dass Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden, häufiger daran sterben als Männer mit einem Herzinfarkt. Eine Erkenntnis, die einen Stein ins Rollen brachte. Denn zum ersten Mal wurde eine Erkrankung auf seine geschlechtlichen Unterschiede hin  untersucht – die Gendermedizin war geboren. Wie wichtig ein geschlechterspezifischer Umgang mit Erkrankungen ist, sollte sich in den folgenden Jahrzehnten zeigen.

Unterschiede auf vielen Ebenen

Denn mit dieser neuen Perspektive wurden plötzlich Unterschiede auf vielen Ebenen sichtbar: Vertragen Männer und Frauen dieselbe Medizin? Haben sie bei der gleichen Erkrankung auch dieselben Symptome? Und ist es egal, ob ein Arzt oder eine Ärztin sie behandelt? Die Antwort lautet: nein. Zumindest nicht pauschal. Und genau dies sei der Grund, weshalb Gendermedizin so wichtig ist, sagt Dr. Hildegard Seidl, Fachreferentin für Gendermedizin an der München Klinik. Die Beispiele sind zahlreich und aktueller denn je. Zwei exemplarische Fälle:

Depression

Eine Depression äußert sich bei vielen Männern oft völlig anders als bei Frauen. Während Frauen die bekannten Symptome wie Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen oder den Trend zum sozialen Rückzug haben, zeigt sich bei Männern ein ausgeprägtes Sucht- und Risikoverhalten, häufig begleitet von Aggression und Wutanfällen. Auch sie ziehen sich sozial zurück, erklären dies aber mit einem angeblich großen Bedürfnis nach Autonomie. Problem: „Diese Unterschiede sind in der Ärzte- und Ärztinnenschaft noch nicht wirklich verbreitet“, erklärt Dr. Seidl. Erschwerend käme hinzu, dass depressive Männer weniger über ihren Leidensdruck sprechen. „Männer sind nach wie vor darauf getrimmt, das starke Geschlecht zu mimen“, so Seidl. „Deshalb signalisieren sie bei einer Depression nach außen oft recht überzogen, dass sie total leistungsfähig sind. Die Konsequenz: Männer sind suizidaler, weil keine Therapie erfolgt.“

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Herzinfarkt

Auch hier sind die Symptome häufig unterschiedlich. Männer klagen vor allem über die „klassischen“ Symptome wie Schmerzen in der Herzgegend mit Ausstrahlung in den Arm, Kiefer und Rücken. Frauen hingegen, besonders die jüngeren, leiden oftmals unter Oberbauchbeschwerden mit Übelkeit und Erbrechen – auf den ersten Blick ein völlig anderes Krankheitsbild. Zudem hätten Männer einen „Vernichtungsschmerz, der einen aufscheucht“, so Seidl, während die Schmerzbelastung bei Frauen vergleichsweise milder sei. Vielleicht einer der Gründe, weshalb Frauen mit einem Herzinfarkt im Schnitt erst zwei Stunden später als Männer in die Notaufnahme kommen. Wie komplex jedoch die Ursachenforschung ist, zeigt sich am weiblichen Herzinfarkt beispielhaft:

Symptome: Wie sich eine Erkrankung äußert, unterscheidet sich also bei einigen Erkrankungen deutlich zwischen den Geschlechtern. Dies ist jedoch häufig weder Ärztinnen und Ärzten und noch weniger den Erkrankten selbst bekannt – wie im Falle des weiblichen Herzinfarkts. Dr. Seidl schildert einen fiktiven Fall, der den fatalen Verlauf beispielhaft verdeutlicht: „Die Frau mit dem akuten Herzinfarkt verbucht ihre Beschwerden selbst als Magen-Darm-Problem und sucht sich daher erst bei anhaltendem Unwohlsein sehr spät medizinische Hilfe. Aufgrund der Unkenntnis stellt auch ihr Hausarzt die Fehldiagnose Magen-Darm-Infekt. Findet die Frau dann doch noch den späten Weg in die Notaufnahme und erhält ein EKG, ist die akute Hilfe – eine Aufweitung der Herzkranzgefäße – oftmals nicht mehr möglich. Als Folge tritt häufiger eine Herzleistungsschwäche auf.“

Übrigens …

Auch bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Und auch hier sind die Symptome oft uneindeutig. Lesen Sie hier, woran sich diese tückische Erkrankung erkennen lässt.

Medikation: Der Bereich Medikamente ist ein weiteres großes Problemfeld in der medizinischen Behandlung von Mann und Frau. Denn Dosierungsempfehlungen sind in der Regel für beide Geschlechter dieselben. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Männer und Frauen bei einigen Medikamenten unterschiedliche Dosierungen brauchen. Wie kann das sein? In der Entwicklung von Medikamenten spielen Geschlechter bislang schlichtweg keine Rolle. „Werden Studien zu Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten durchgeführt“, erklärt Dr. Seidl, „werden die Daten nicht geschlechtergetrennt ausgewertet.“ Ein Missstand in den Augen der Expertin: „Ohne eine geschlechterspezifische Auswertung können Patienten und Patientinnen nicht adäquat versorgt werden.“ Möglichen Szenarien:

  1. Ein Medikament wird für beide Geschlechter zugelassen, obwohl es bei einem Geschlecht nicht wirkt.
  2. Es wird nicht zugelassen, obwohl es bei einem Geschlecht wirkt.
  3. Es treten geschlechterspezifische Nebenwirkungen auf, die nicht als geschlechterspezifisch erkannt werden.

Bekommt unsere Herzinfarktpatientin nun Betablocker, Cholesterinsenker und ACE-Hemmer, kann die Dosierung zu hoch sein und Nebenwirkungen verursachen. Erschwerend hinzu kommt hier, dass sich bei Frauen häufiger Nebenwirkungen entwickeln als bei Männern. Und nun kommt ein weiterer geschlechtlicher Unterschied zum Tragen.

Umgang mit der Erkrankung: Frauen zeigen einen tendenziell anderen Umgang mit ihrer Erkrankung und der Therapie. Sie sind häufiger informierter und handeln eigenständiger, was jedoch zu ihrem Nachteil sein kann. Unsere Herzinfarktpatientin entwickelt nun Nebenwirkungen wie Husten, Muskelschmerzen und Müdigkeit. Sie googelt den Durchschnittsblutdruck, misst ihren jeden Tag und stellt fest, dass dieser ja völlig in Ordnung ist – eine Fehleinschätzung, denn dies ja nur durch den Blutdrucksenker der Fall.

Dennoch geht sie zum Arzt, sagt, dass sie den Blutdrucksenker absetzen möchte. Dabei tritt sie sehr bestimmt auf, denn ihr steckt noch ihr übersehener Herzinfarkt in den Knochen, weshalb sie sich nun lieber auf sich selbst verlässt. Der Arzt fühlt sich durch ihre Art in seiner Kompetenz angezweifelt, reagiert verschnupft und sagt, dann müssen sie die Konsequenz auch selbst tragen. „Eine fatale Entwicklung“, erklärt Dr. Seidl, „die Patientin erlebt nicht nur einen starken Vertrauensverlust, sondern gefährdet sich dadurch selbst. Denn wenn keine adäquate Einstellung des Blutdrucks und Cholesterinwertes erfolgt, ist ein zweiter Herzinfarkt abzusehen.“

Zu sehen sind Gender-Symbole für Männer und Frauen in zwei Hälften geschnitten auf einem Holzblock. Der Block liegt auf einem grau-marmorierten Tisch.

Ein komplexes Zusammenspiel

Körperliche Unterschiede, fehlendes Fachwissen, Misskommunikation – dieses fiktive Beispiel zeigt, wie vielschichtig die Problematik ist und auf wie vielen Ebenen geschlechtliche Unterschiede zum Tragen kommen. „Wir haben es hier mit einem komplexen Zusammenspiel von biologischen und sozialen Faktoren zu tun“, erklärt Dr. Seidl und hat noch weitere spannende Beispiele. So kam beispielsweise eine Studie zu dem Ergebnis, dass Ärzte, die Frauen operieren, schlechtere Ergebnisse erzielen als Ärztinnen die Frauen operieren, während sich für die männlichen Patienten keine Unterschiede zeigen. Die weitere Forschung steht noch aus, aber auch hier werden unterschiedliche Ursachen diskutiert, die womöglich alle zusammenwirken.

Kommunikation und Technik

„Das Kommunikationsverhalten innerhalb der Geschlechter könnte hier ein Grund sein“, so Dr. Seidl. Denn wie Studien gezeigt haben, kommunizieren Patientinnen mit weiblichem ärztlichem und pflegerischem Personal anders als mit männlichem. „So könnten zum Beispiel Schmerzen vor und nach der OP heruntergespielt und die Schwere der Erkrankung und auch der Hinweis auf Komplikationen falsch eingeschätzt werden.“ Möglich wäre auch, dass Frauen vorsichtiger operieren. „Auch spannend: Eine andere Studie hat ergeben, dass Ärztinnen ein besseres Überleben bei Herzinfarktpatientinnen erzielen. Wenn Ärzte mehr mit Ärztinnen zusammenarbeiten oder verstärkt Frauen behandeln, verschwinden die geschlechtlichen Unterschiede“, erklärt Dr. Seidl. Der Grund ist noch offen.

„Ärztinnen und Ärzte müssen zunächst einmal die nötigen Geschlechterunterschiede kennen, um sie einhalten zu können.“

Dr. Hildegard Seidl

Portrait von Hildegard Seidl

Zu wenig Wissen, jede Menge Arbeit

Viele Erkenntnisse und noch mehr offene Fragen zeigen deutlich: Im Bereich der Gendermedizin gibt es jede Menge zu tun. Hildegard Seidl sieht hier vor allem drei wesentliche Schritte. „Ärztinnen und Ärzte müssen zunächst einmal die nötigen Geschlechterunterschiede kennen, um sie einhalten zu können.“ Dies sei noch zu wenig der Fall. Ein weiterer Punkt, der dies ändern könnte: Gendermedizin ist noch nicht Teil des Studiums. Um die Informationslage und die Sensibilität für geschlechtliche Unterschiede in der Fachwelt künftig zu verbessern, müsste Gendermedizin Pflichtteil der Ausbildung werden.

„Gendermedizin ist Geschlechtermedizin“

„Und nicht zuletzt muss die defizitäre Forschungslage dringend auf breiter Ebene aufgearbeitet werden.“ Denn, und dies ist Hildegard Seidl wichtig: „Gendermedizin ist keine Frauenmedizin, sondern Geschlechtermedizin. Sie ist ein Querschnitt durch die gesamte Medizin. Möchte man den Patientinnen und Patienten gerecht werden, muss sich jeder Fachbereich dieses Themas annehmen.“

Podcast: Frauen- und Männergesundheit – gibt es Unterschiede?

Hören Sie auch unseren Podcast zum Thema Gendermedizin: Expertin Dr. Anke-Christine Saß vom Robert Koch-Institut liefert spannende Fakten darüber, weshalb Frauen und Männer anders krank sind.

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Bildnachweis

Artikeleinstieg: AJ_Watt (istockphoto.com)
Im Artikel: Denevorr (istockphoto.com)

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