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Kopf aus, Bauch an

Gefühle, Entscheidungen, Krankheiten – unser Bauch hat mehr mitzureden, als wir denken. Denn über die Darm-Hirn-Achse spricht unser Mikrobiom im Darm mit unserem Gehirn – und beeinflusst, wer wir sind.

Wir Menschen halten uns gern für rationale Wesen. Gedanken, Gefühle, Entscheidungen – all das verorten wir im Kopf. Das Gehirn erscheint uns als Schaltzentrale unseres Seins, losgelöst vom Rest des Körpers – und vom Darm ohnehin.

Doch gerade in entscheidenden Momenten ist es unser Bauch, der das Kommando übernimmt: Wenn wir verliebt sind, flattern „Schmetterlinge im Bauch“. Steht eine wichtige Entscheidung an, hören wir auch mal auf unser „Bauchgefühl“. Und vor Prüfungen schlägt uns die Angst oft buchstäblich „auf den Magen“.

Enge Verbindung zwischen Bauch und Hirn

Diese allseits bekannten Redewendungen belegt heute die Wissenschaft: Zwischen Kopf und Bauch besteht eine enge Verbindung – die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Und die zeigt, dass unser Bauch weit mehr ist als ein Verdauungsorgan. Er ist im ständigen Austausch mit unserem Gehirn und bestimmt über unsere Stimmung, unser Verhalten und womöglich sogar über unsere seelische Gesundheit.

Einer, der sich mit dieser Verbindung bestens auskennt, ist Professor Andreas Stengel. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität und Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Sein Spezialgebiet: das Zusammenspiel zwischen Darm, Mikrobiom und Gehirn. Wenn er von den komplexen Prozessen in unserem Verdauungstrakt spricht, benutzt er gern den Begriff „Bauchhirn“. Für Stengel ist klar: „Dass wir wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, kommt nicht von ungefähr. Evolutionär gesehen ist das Bauchhirn nämlich viel älter als unser Hirn im Kopf.“

„Dass wir wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, kommt nicht von ungefähr.“

Prof. Dr. Andreas Stengel

Wichtige Energieaufnahme

Tatsächlich war in den frühen Entwicklungsphasen des Lebens zunächst eines entscheidend: Energieaufnahme. Frühe Lebensformen entwickelten einen Verdauungstrakt – und mit ihm ein eigenes Nervensystem, das die Nahrungsverwertung steuerte. 

Erst viel später, über Millionen von Jahren, entstand ein zentraler Teil dieses Nervensystems, das Gehirn. Das heißt: Unser „zweites Hirn“ im Bauch war zuerst da. Und es spricht bis heute ein entscheidendes Wort mit, wenn es um unser Wohlbefinden geht – ob wir wollen oder nicht. Weder Darm noch Gehirn arbeiten also im Alleingang. Stattdessen verbindet sie eine „biologische Datenautobahn“, die einen ständigen Informationsaustausch ermöglicht.

Mikrobiom spielt zentrale Rolle

Sie besteht unter anderem aus Nervenverbindungen wie dem Vagusnerv sowie aus chemischen Botenstoffen, etwa Hormonen. Eine zentrale Rolle in diesem Dialog spielt das Mikrobiom – also die Milliarden von Bakterien, die unseren Darm besiedeln. „Wir wissen schon lange, dass diese Bakterien in uns leben – teilweise im Dünndarm, die meisten von ihnen im Dickdarm“, erklärt Stengel. „Früher sind wir davon ausgegangen, dass sie vor allem für die Aufspaltung von Nahrungsbestandteilen zuständig sind. Heute wissen wir: Das Mikrobiom des Darms hat noch andere wichtige Funktionen, wie zum Beispiel die Steuerung und Produktion von Hormonen. Deswegen sprechen Forschende auch von der Mikrobiom-Darm-Gehirn-Achse.“

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Einige Bakterien im Darm können zum Beispiel Oxytocin produzieren – das sogenannt  „Kuschelhormon“, das für soziale Bindung und Wohlbefinden sorgt. Andere wiederum erzeugen Botenstoffe, die mit Depressionen oder Angsterkrankungen in Verbindung gebracht werden. Was in unserem Bauch vorgeht, hat also einen direkten Einfluss auf unsere mentale Gesundheit. Liegt es da nahe, dass ein „perfektes“ Mikrobiom automatisch zu besserer Gesundheit führt.

Ganz so einfach ist es nicht, sagt Professor Stengel: „Das Problem ist: Wir wissen bisher gar nicht ganz genau, welche Bakterienzusammensetzung ein ‚perfektes‘ Mikrobiom überhaupt ausmacht – und ob es das überhaupt gibt. Wir können also auch nicht diese eine maßgeschneiderte Mikrobiom-Pille verschreiben und alle Erkrankungen sind vom Tisch“, erklärt der Experte.

Eines aber ist klar: Eine hohe Vielfalt an Bakterien – also eine große Diversität im Mikrobiom – kann sich positiv auf unsere Gesundheit auswirken. Doch genau daran mangelt es den Menschen in vielen westlichen Industrienationen zunehmend. Schuld sind unter anderem Stress, Medikamente wie Antibiotika – und unser Essen. „Eine Ernährung, die reich an hochverarbeiteten Lebensmitteln ist und gleichzeitig wenig Ballaststoffe aus Vollkornprodukten, Obst oder Gemüse enthält, wirkt sich negativ auf die Vielfalt der Darmbakterien aus“, erklärt Stengel

Auch Menschen mit Adipositas betroffen

Betroffen seien dabei nicht nur Untergewichtige, sondern auch Menschen mit Adipositas, also starkem Übergewicht, die sich dauerhaft unausgewogen ernähren. 
Es lohnt sich also, ein Auge auf seine Darmgesundheit zu haben. Das muss nicht kompliziert sein. Es reicht, einige Grundregeln zu beachten – wie beispielsweise beim Essen auf regelmäßige Mahlzeiten aus natürlichen Zutaten zu achten. Außerdem wichtig: ausreichend Bewegung, ein intaktes soziales Umfeld, ein moderater Umgang mit Alkohol sowie nicht zu rauchen.

Eine gesunde Lebensweise ist nur logisch, denn Störungen der Darm-Hirn-Achse können weitreichende Folgen haben – bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. „Das Reizdarmsyndrom ist ein klassisches Beispiel für eine neurogastroenterologische Erkrankung“, erklärt Professor Stengel. Es äußert sich einerseits durch körperliche Symptome wie Schmerzen, Durchfall, Verstopfung oder ein Gefühl des Aufgeblähtseins.

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Psychische Komponenten

Andererseits können auch psychische Komponenten beteiligt sein – etwa in Form einer Depression oder Angststörung. Auch bei chronischen Erkrankungen wie Parkinson rückt der Darm zunehmend in den Fokus. „Hier finden sich nicht nur typische Veränderungen im Gehirn, sondern auch im Verdauungstrakt – das lässt sich mittlerweile nachweisen“, so Stengel. Ähnliches gilt für andere Erkrankungen wie ADHS, Depressionen oder sogar Alzheimer. Deshalb fordert der Experte ein Umdenken in der Medizin: „Wir sollten nicht mehr strikt zwischen psychischen Erkrankungen und körperlichen Leiden unterscheiden. Denn immer deutlicher zeigt sich: Beide beeinflussen sich gegenseitig – und der Darm spielt dabei eine wichtige 
Rolle.“

Im Alltag zählt also vor allem eines: Mehr auf das eigene Bauchgefühl zu hören. „Unser Bauch weiß, was ihm guttut und was nicht. Wir müssen nur auf ihn hören“, so Professor Stengel.

Bildnachweis

Artikeleinstieg: Yazgi Bayram (istockphoto.com)
Porträtbild Dr. Stengel: Tobias Grosser

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