
Eltern, ihr dürft wütend sein!
Eltern kommen um das Thema Wut nicht herum. Da ist dieser kleine Mensch, der phasenweise gern auch stündlich eskaliert – und einen selbst damit auch mal komplett aus dem Gleichgewicht bringt. Mal weniger, mal mehr. Was können Eltern tun, um in Wutsituationen in Balance zu bleiben
Eines vorab: Wut ist gut. Als menschliche Basisemotion hat sie den wichtigen Auftrag, uns zu zeigen, dass eine Grenze überschritten wurde. Sie ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der uns hilft, Bedrohungen abzuwehren und Bedürfnisse zu erkennen. Die Wut ist uns also eine wichtige Mahnerin. Doch Eltern wollen nicht wütend sein. Sie wollen besonnen sein, verständnisvoll und empathisch – der Nordstern des kleinen Menschen, der mit diesem mächtigen Gefühl selbst noch gar nicht umgehen kann.
Aber auch Eltern dürfen wütend sein. Mehr noch: Sie sollten es sogar. Denn Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen durch ihre Vorbilder, also ihre Bindungspersonen Nummer 1. Und das sind in der Regel die Eltern. Sind diese in der Lage, angenehme wie unangenehme Gefühle wahrzunehmen, sie zu reflektieren, zu kanalisieren und in Worte zu fassen, überträgt sich diese emotionale Kompetenz auf das Kind.
Kinder brauchen elterliche Wut
Heißt: Das Kind braucht elterliche Wut, um einen guten Umgang mit diesem mächtigen Gefühl zu erlernen. Es darf merken, dass bestimmte Dinge seine Eltern wütend machen. Dass auch sie eine Grenze haben, die schützenswert ist. Die große Herausforderung dabei: trotz eigener Wut die Ruhe zu bewahren. Nicht ins Schreien und Schimpfen zu verfallen, sondern zu erklären und in Verbindung mit dem Kind zu bleiben.
Hier kann Ursachenforschung helfen. Weshalb macht mich die Wut meines Kindes so wütend? Ist es der Zeitdruck, weil ich los muss? Der Schlafmangel der letzten Nacht? Oder liegen die Gründe tiefer? Womöglich wurde Wut in der eigenen Kindheit bestraft, abgewertet oder lächerlich gemacht. Oder auch schlichtweg ignoriert, sodass man sie letztlich zu unterdrücken gelernt hat. Es sind oft kindliche Grundmuster, die in emotionalen Situationen aktiv werden. Neben Ursachenforschung gibt es auch Notfallstrategien, um in akuten Wutmomenten einen kühlen Kopf zu bewahren.
Notfall-Tipps für wütende Eltern
Selbstwahrnehmung
Versuchen Sie, Ihre Wut bewusst wahrzunehmen: Schwitzen, schnellerer Herzschlag, angespannte Muskeln. Beruhigen Sie sich selbst mit dem Gedanken, dass das Ganze kein lebensbedrohlicher Notfall ist.
Resonanzatmung
Vier Sekunden lang einatmen, Luft sieben Sekunden halten, acht Sekunden lang ausatmen. Diese Atemtechnik entspannt den Vagusnerv, der für Erholung und Ruhe zuständig ist.
Verbindung zum Körper
Nehmen Sie bewusst die Fußsohlen auf dem Boden wahr oder reiben Sie Ihre Hände aneinander. So schaffen Sie eine Verbindung zu Ihrem Körper, das reduziert Stress.
Sensorische Ablenkung
Kurz vor dem Überschäumen? Ein Glas Wasser trinken oder einen Eiswürfel lutschen hilft. Sensorische Reize lenken die Aufmerksamkeit um und beruhigen dadurch das Nervensystem.
Über Gefühle sprechen
Beschreiben Sie mit klaren Worten, wie Sie sich fühlen. Das hilft nicht nur dem Kind, die Situation besser zu verstehen – auch unserem Gehirn hilft das Formulieren der eigenen Gefühle dabei, Klarheit zu gewinnen. Und Klarheit entspannt.
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Artikeleinstieg: Katharina Mikhrin (©Westend61)


